Aus aktuellem Anlass: eine Leseprobe

Wie alle wissen, arbeitet unser Autor und Schundbüro-Mitglied Lutz von Anstatt momentan an seinem Schundroman “Hatz im Hartz. Ein Heimatkrimi aus dem deutschesten Mittelgebirge”. Es wird, das steht fest, ein Skandalwerk, aktuell und schonungslos die Missstände des Sozialmissbrauchs aufdeckend, stets zeitnah, wie man so sagt, kein Tabuthema auslassend und – Leute mit schlichtem Gemüt bitte sofort aufhören zu lesen! – sogar Rilkegedichte zitierend.

Es geht, kurz gesagt, um den Hartz-IV-Empfänger Karl-Heinz Marx, einen Ausbund sozialen Schmarotzertums, der in seiner Freizeit ehrenamtlich für das Lyrik-Nottelefon der Frau von Dornberg tätig ist. Marx ist Rilke-Spezialist, er hilft den verzweifelten AnruferInnen, indem er ihnen die Verse des großen Dichters rezitiert. Doch bei Frau Sinnig hilft auch das nichts. Die Frau – zufällig Marxens Sachbearbeiterin bei der Hartz-Behörde – ist wenige Stunden nach dem Hilferuf beim Lyrik-Nottelefon mausetot…

Wie nah unser Autor am Puls der Zeit arbeitet, soll dieser soeben vollendete Ausschnitt beweisen. Gerne halten wir Sie über die weitere Entwicklung des Werkes auf dem Laufenden und wünschen gehobenes Lesevergnügen.

Der Tee der drei alten vertrockneten Pflaumen

Einmal im Monat versammelte Frau von Dornberg ihre fleißigen Helferinnen des Lyrik-Nottelefons um sich, Jour Fixe, angeregtes und engagiertes Plauschen bei Tee und Petits Fours. Serviert von Nora, dem bangladeschischen Dienstmädchen, das die Gastgeberin einst aus einer südostasiatischen Fabrik befreit hatte, wo unter skandalösen menschenverachtenden Bedingungen Knöpfe für den Weltmarkt produziert wurden.

Marx liebte diese Zusammenkünfte. Sorgfältig kleidete er sich in die Uniform seines Standes – Jeans aus dem Kleidersack, Pulli aus dem Sozialkaufhaus, Parka vom Sperrmüll – und übte vor dem heimischen Spiegel das Hartz-IV-Mienenspiel. Dankbar und devot, willig und aufnahmebereit wie ein nasser Schwamm.

Ui, sind die süß!“ kicherte, in ein Stück Gebäck beißend, Frau Holland, die mittelalterliche Buchhändlerin, von der nicht einmal ihr Ehemann wusste, dass sie ein Intimpiercing in Form einer winzigen goldenen Goethebüste ihr Eigen nannte.

Die Gastgeberin lächelte entzückt. „Ja, so exotisch, nicht wahr? Nora hat sie an ihrem freien Nachmittag gebacken, das isst man jetzt in den Slums von Accra, so eine Art Nationalgericht. Gelt, Nora?“ Die Angesprochene nickte, senkte den Kopf und wurde rot im Gesicht. Frau Sievers, deren Mann einen florierenden privaten Paketdienst aufgezogen hatte, klatschte Applaus, Applaus und nahm sich ebenfalls ein Stück der süßesten Versuchung, seit es Slums gab. „Dass Sie Nora aus den Fängen dieser schrecklichen Ausbeuter befreit haben… Chapeau, meine Liebe!“ Die senkte jetzt ihrerseits das Haupt und errötete leicht.

Nora ist auch soooo bezaubernd! Eigentlich heißt sie ja anders, so ein ellenlanger Name, den sich kein vernünftiger Mensch merken kann. Aber ich habe sie Nora nach meiner Golden-Retriever-Hündin – Gott habe sie selig! – genannt, wegen der großen Augen.“

Man bedauerte den Verlust der Hündin im Nachhinein. Frau Holland, die gerne Brecht las, versuchte sich an einen passenden Vers des Meisters zu erinnern, doch Frau Sievers, anerkannte Möricke-Spezialistin, kam ihr zuvor.

 Du kamst, Du gingst mit leiser Spur, ein flücht’ger Gast im Erdenland; woher? Wohin? Wir wissen nur: Aus Gottes Hand in Gottes Hand.

Ludwig Uhland, dachte Marx seufzend und griff zur Teetasse, wobei er sich bemühte, den kleinen Finger nicht abzuspreizen.

“Jetzt suche ich für Nora einen passenden Mann, damit sie sich paaren kann“, fuhr Frau von Dornberg mit einem neckischen Augenzwinkern wegen des unfreiwilligen Endreims fort und schaute hinüber zu Marx, der verlegen zur Seite blickte. „Entzückend!“ kommentierte Frau Sievers und klatschte in die Hände. „Mein Mann beschäftigt in seiner Firma auch viele braune Menschen, das sind gute Fahrer und so anspruchslos! Ob wir da vielleicht etwas Passendes finden könnten?“

Frau von Dornberg legte einen Finger auf die Lippen. „Psssst, wir sollten solche Dinge nicht in Noras Gegenwart bereden.“ Und zu Nora gewandt: „So, Noralein, wir brauchen dich im Moment nicht mehr. Geh schön ins Körbchen und warte, bis die Mami nach dir pfeift.“ Abgang Nora.

Bald parlierte man über andere, ernstere Themen. Die Zustände bei diesem Online-Buchversender etwa, sie hatten die Reportage im Fernsehen verfolgt, ganz, ganz schlimme Ausbeutung, und die Damen hatten sogar eine Facebook-Petition unterschrieben. „Schrecklich, dass so viele Menschen bei diesen Sklavenhaltern kaufen“, empörte sich von Berufswegen Frau Holland, „wir kleinen Buchhändler haben das Nachsehen, dabei sind wir doch Kulturträger – und versenden tun wir auf Wunsch auch!“

“Ja“, bestätigte Frau Sievers, „mit unserem Paketdienst! Ist auch viel billiger als die Post mit ihren teuren Beamten!“

Frau von Dornberg seufzte tief und innig. „Wo sind sie nur hin, die alten Zeiten! Diese Globalisierung hat nichts Gutes, glauben Sie mir. Und jetzt haben wir auch noch einen Mord in unserem idyllischen kleinen Städtchen!“

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