Tavora, Herrin des Dschungels – Leseprobe

tavora_coverNoch arbeitet Linda Vinci fieberhaft am Manuskript von “Tavora, Herrin des Dschungels”, dem zehnten Heft der Schundreihe. Nur mit viel Mühe und unter leichtem Druck haben wir sie überreden können, wenigstens ein Kapitel ihres Werkes vorab zur Veröffentlichung freizugeben. Die Leserschaft lernt darin die Titelheldin und einige der Umstände ihres Lebens kennen, wird mit Spezialausdrücken vertraut gemacht und erhält Einblicke in das komplexe Zusammenleben von Mensch und Tier.

Wir möchten betonen, dass “Tavora, Herrin des Dschungels” selbstverständlich beim Schundbüro vorbestellt werden kann, sowohl als E-Book für sämtliche Formate als auch in der Printausgabe. Unterstützen Sie das Schundbüro und seine Arbeit, machen Sie davon Gebrauch! Und hier nun die Leseprobe.

Ein morgendliches Idyll

Tavora liebte die ersten Strahlen der Morgensonne. Ihr brauner Körper flimmerte im unruhigen Licht, leichter Wind spielte in den blonden Haaren, der Geschmack des Tsumetsumes schmeichelte dem Gaumen. Jetzt nahm der Wind ein wenig zu und strich wie ein fordernder Liebhaber um Tavoras Brüste.

In der Linken die Tsumetsumefrucht, die Rechte spielerisch an den harten Brustwarzen, schloss Tavora die Augen und lauschte den Stimmen des erwachenden Urwaldes unter ihr. Der Pakapaka, jener tausendjährige hölzerne Riese, in dessen Wipfeln das Baumhaus klebte, schaukelte kaum merklich. Süße Müdigkeit überfiel Tavora, ihr nackter, ausgestreckter Leib wurde von einer Lawine diskreter Lust überrollt, ein dünner Film Feuchtigkeit überzog und kühlte ihn, nachdem die Wellen der Hitze verebbt waren.

Blätter raschelten, Äste knackten. Dann wuchtete sich ein schwerer Körper auf die Plattform. „Taja“, begrüßte Tavora die Gefährtin, eine kolossale Affenfrau, die sich zähnefletschend näherte, eine ihrer Pranken ausstreckte und um Tavoras Kopf legte, so zärtlich, als hantiere sie mit einem rohen Bunkabango-Ei.

Taja war so alt wie Tavora. Sie waren gemeinsam von Tajas Mutter Claja aufgezogen worden, zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher und doch einander zugeneigter nicht sein konnten. Lange, bis zu Clajas tragischem Tod, lebten sie zusammen, doch die Geschlechtsreife zwang Tavora, das Rudel zu verlassen. Wohl fühlte sie sich wie ein Gorilla, doch etwas in ihr ließ sie erahnen, dass sie anders war, nicht nur äußerlich.

Seit geraumer Zeit schon hatte sie die lüsternen Blicke Gumus, des Leitgorillas bemerkt und auch, dass, wann immer er sie anblickte, eine Veränderung an seinem Körper zu beobachten war. Auch Pimu, der jugendliche Spielgefährte, brachte seine Pranken bei den übermütigen Rangeleien an die delikatesten Stellen des Mädchenkörpers und beließ sie dort länger als früher.

Etwas musste geschehen. Mit Hilfe von Taja baute sie das Haus im großen Baum, knüpfte ein kompliziertes System von Lianen, an denen sie sich über die Wipfel schwingen konnte, und trennte sich vom Rudel. Dieses akzeptierte Tavoras Entscheidung; auch den Affen war nicht entgangen, dass das Mädchen, obgleich eine von ihnen, doch irgendwie anders war.

Jeden Morgen erschien nun Teja zum Frühstück bei Tavora. Sie teilten sich die Bananen und die leckeren Tsumetsumefrüchte, die außer dem Mädchen noch nie ein menschliches Wesen gekostet hatte, wuchsen sie doch nur hoch in den Pakapakabäumen. Gewiss versuchten Menschen bisweilen, einen der Bäume zu erklimmen. Die meisten jedoch bezahlten ihren Wagemut mit dem Tod. Wer aber den Früchten und Tavoras Hütte zu nahe kam, den erwartete die Herrin des Dschungels selbst. Anfangs hatten die schwarzen Männer gelacht, als sie des blonden Mädchens ansichtig wurden. Das Lachen war ihnen indes vergangen, denn Tavora, obwohl von hoher, schlanker Gestalt, war stark wie ein Gorilla, sie bewegte sich traumwandlerisch im Geäst und zwischen den Bäumen, am furchtbarsten aber war ihr Schrei. Sie formte ihn in der Kehle, ein angstmachendes Brodeln wie bei den heißen Fontänen in den Makamakasümpfen, das von einem tief aus den Lungen gesaugten Schwall Atemluft hinausgeblasen wurde, sich zu einem immer schrilleren Ton formte und schließlich selbst Glas zu bersten gebracht hätte. Nur: Im Dschungel gab es kein Glas, dafür die zerplatzenden Trommelfelle zu Tode traumatisierter Menschen.

So war es gekommen, dass sich die Männer nicht mehr in den Dschungel wagten, die Frauen hingegen durchaus. Sie liebten Tavora, die so gänzlich anders lebte als sie, frei und stark, unabhängig und ohne Scham.

Allein ein männliches Menschenwesen duldete Tavora um sich. Eines Tages hatte sie den Jungen unter ihrem Baum weinend vorgefunden, zerlumpt und abgemagert, die Augen leer, dafür in der Rechten ein Maschinengewehr. Der Junge war aufgesprungen, die Waffe auf Tavora anlegend und seltsame Laute ausstoßend, doch das Mädchen hatte sich nicht beirren lassen, war nähergekommen, um dem Jungen sanft über die Augen zu fahren, damit seine Tränen trockneten.

Er nannte sich Guy oder, wenn er manchmal schreiend aus seinen Träumen erwachte, Sergeant Dead. Tavora hatte seine Sprache gelernt und herausgefunden, dass sie selbst in der Lage war, sie zu sprechen. Sie tat es selten und stockend, doch das Wissen, es zu können, bewirkte etwas Merkwürdiges in ihr, etwas Unerklärliches, eine Mischung aus Freude und Angst.

Guy lebte fortan in einer Hütte am Fluss. Er angelte sich sein Essen, nur bisweilen, wenn die Fische nicht anbissen, ging er mit seinem Maschinengewehr auf Antilopenjagd. Manchmal lud er Tavora zum Essen ein, sie hatte ihn zudem in der Kunst des Kletterns unterwiesen, so dass er zu Gegenbesuchen das Baumhaus erreichen konnte, wo sie im Abendlicht saßen, Wörter austauschten und sich gegenseitig intensiv betrachteten.

Kein Zweifel: Tavora und Guy gehörten zu einer Rasse, sie heiße „Mensch“, sagte Guy und fügte hinzu: „Es wäre besser, es gäbe die Menschen nicht, sie sind allesamt Schweine und Bestien.“

Es war Guy, der ihr erzählte, man nenne sie in den Dörfern am Rande des Dschungels Tavora, was „die Schlafende“ bedeutende. Tavora verstand das nicht. Nie zuvor hatte sie sich Gedanken über ihre Herkunft gemacht. Auch von Tavor, „dem Schlafenden“ wusste Guy zu berichten. Er sei eine mysteriöse Figur, Tavoras Bruder, doch seit vielen Jahren verschollen, als ein Geist in den Wäldern hausend, nicht zu fassen, doch allgegenwärtig.

Tavora dachte oft an Tavor und die Vergangenheit. Eines Tages würde sie die Wahrheit erfahren. Vielleicht heute? Es versprach ein herrlicher Tag zu werden. Sie balgte eine Weile mit Teja, dann lausten sie sich gegenseitig und schwangen an den Lianen hinein in das Dunkel des Urwalds.

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