Die bittere Wahrheit über das Selbstverlegen als geistig-erotische Ersatzbefriedigung. Eine wissenschaftliche Einordnung

Ein veritabler Skandal wirft seine Schatten voraus. Der 16. Band der Schundhefte, „Der Fünfzehnjährige, der nachts aus dem Fenster stieg, um im Garten seiner Deutschlehrerin wie der Teufel zu onanieren“, erregt bundesweit die Gemüter, wie sogar „Spiegel Online“ berichtet. Überall im Land formiert sich Widerstand, Thilo Sarrazin arbeitet an einer Streitschrift „Nur Kopftuchmädchen masturbieren“, Günther Jauch plant ein gerichtliches Vorgehen gegen das Werk, wird er in diesem doch mehrmals namentlich erwähnt. Doch um was geht es eigentlich? Und warum sorgt vor allem die These, Selfpublishing sei nichts anderes als Selbstbefriedigung, für Empörung? Wir haben all dies einen Experten auf dem Gebiet der Selbstbefriedigung aus psychoanalytischer Sicht gefragt, Herrn Dr. Otwin Scheich von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Hier Auszüge aus dem Gespräch.)

onanie_400Schundbüro: Herr Dr. Scheich, in seinem bald erscheinenden Werk „Der Fünfzehnjährige, der nachts aus dem Fenster stieg, um im Garten seiner Deutschlehrerin wie der Teufel zu onanieren“, befleißigt sich der Autor Rüdiger Icks einiger umstrittener Thesen. Nicht nur, dass er das Internet als eine „Erfindung von Onanisten für Onanisten“ bezeichnet, er diskreditiert zudem die Literatur in toto als „Selbstbefriedigung“ und nennt vor allem Selfpublishing „die digitale Variante geistigen Wichsens“. Trifft dies aus psychoanalytischer Sicht zu oder ist es nur ein geschickter Werbetrick des Schundbüros, unter dessen Dach das Werk als „Schundheft 16“ veröffentlicht wird?

Dr. Scheich: Nun, vielleicht beides? Fragen wir uns zunächst einmal: Was ist Selbstbefriedigung überhaupt? Woody Allen bezeichnet sie als „Sex mit dem Menschen, den man am meisten liebt“. Rein wissenschaftlich ist Selbstbefriedigung eine Ersatzhandlung von Menschen, die gerade keinen Sexualpartner zur, äh, Hand haben. Normalerweise ist Literatur, psychoanalytisch betrachtet, Sex des Autors mit seinen Lesern, also explizit keine Selbstbefriedigung. Wiewohl es Hinweise darauf gibt, dass auch hier die Grenzen verschwimmen. In seinen „Gesprächen mit Eckermann“ plaudert Goethe, er habe „heute Morgen ein Gedicht aus dem Ärmel geschüttelt“. Geschüttelt! Ein Meister der Sprache wie Goethe verwendet ein solches Wort nicht unbedacht. Geschüttelt! Ganz eindeutig wird die autoerotische Komponente von Literatur bei den Selbstverlegern. Sie haben keinen Sex mit den Lesern, weil sie nämlich keinen Verlag finden, der ihnen – gewissermaßen als Zuhälter oder Buhle des Worts – LeserInnen zuführen möchte. Also erschaffen sie sich ein künstliches Szenario, so wie es jeder Onanist kennt: Sie verlegen selbst und stellen sich vor, fortan Sex mit tatsächlichen Lesern zu haben. Was natürlich nicht stimmt. Denn, ganz unter uns: Wären Sie bereit, die äh.. Ergüsse von Selbstverlegern zu lesen? Nur in seiner Phantasie findet also der Selbstverleger einen intellektuellen Geschlechtspartner, mit dem er sein mit „Herzblut“ (Körperflüssigkeit!) verfasstes Geschreibsel austauscht. Psychoanalytisch betrachtet treffen die Thesen von Herrn Icks folglich zu.

Schundbüro: Hm, interessant. Nun ist Selbstbefriedigung als Topos der Literatur ja ein Tabuthema. Was überrascht, wenn man die Zusammenhänge kennt. Denken Sie, dass durch die Veröffentlichung von „Der Fünfzehnjährige etc.“ so etwas wie eine kathartische Diskussion, ein Prozess der Selbstreinigung also, in Gang kommen wird?

Dr. Scheich: Nun ja, mag sein. Tatsächlich redet man nicht über Selbstbefriedigung, obwohl jeder gesunde Mensch sie in irgendeiner Form praktiziert. Es ist ein Tabu, etwas, das die Grundfesten des eigenen Ich erschüttert. Selbstverleger als Wichser? Wer möchte denn schon gerne wissen, was er im Grunde genommen ist, sobald die Fassade des Hehren und Schönen einstürzt? Die ersten Reaktionen auf die Ankündigung des Werkes von Herrn Icks sprechen ja auch eine deutliche Sprache. Herr Seehofer von der CSU hat bereits angekündigt, das Büchlein nicht in den Kanon der Schultexte für die 7. Klasse an bayrischen Haupt- und Realschulen aufzunehmen. Stattdessen fordert er die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf, aktiv zu werden. In Mecklenburg-Vorpommern horten NPD-Ortsvereine bereits Brennholz für zünftige Bücherverbrennungen, da, Zitat, „ein deutscher Mann nicht schüttelt, eine deutsche Maid sowieso schon gar nicht“. Es braucht also seine Zeit, bis eine Diskussion auf der Grundlage psychoanalytischer Erkenntnisse möglicherweise stattfinden kann.

Schundbüro: Ja, hoffen wir mal das Beste. Eine abschließende Frage: Würden Sie Selbstverlegern empfehlen, das Schreiben – also das geistige Onanieren – aufzugeben? Oder hat es eine ausgleichende, quasi gesundheitsfördernde Funktion?

Dr. Scheich: Nein, nein, ruhig weiterwichsen, also weiterschreiben! Onanie gehört zur Pubertät wie der erste Pickel auf der Nase. Selbstverleger sind geistig Pubertäre und werden es wohl auch immer bleiben, das ist aus psychoanalytischer Sicht eindeutig. Wer nicht schreiben kann und es dennoch tut, wer das für normale Gehirne Unlesbare gar noch veröffentlicht, der ist auf eine hoffnungslose Weise infantil, um nicht zu sagen imbezil, intellektuell retardiert, literarisch zeugungsunfähig. Aber wohin mit den Trieben? Sollen Selbstverleger, die nicht mehr selbstverlegen, vielleicht in Zukunft vor Schulen und in Badeanstalten herumlungern und kleinen unschuldigen Kindern selbstverfasste Gedichte und Kurzgeschichten vorlesen? Der dadurch angerichtete seelische Schaden an den Schwächsten der Gesellschaft wäre unermesslich und kaum noch reparabel. Nein, nein, weiterschreiben! Weiterveröffentlichen! Liest eh kein Mensch, das Zeug.

Schundbüro: Herr Dr. Scheich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Nachtrag: Das angesprochene Heft erscheint natürlich bei der AutorInnen-Kooperative DER DRITTE RAUM!

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